Eines Morgens wachst Du nicht mehr auf,
die Vögel aber singen, wie sie gestern sangen.
Nichts ändert diesen Tageslauf.
Nur du bist fortgegangen, du bist frei.
Und unsere Tränen wünschen dir Glück.
(Johann Wolfgang von Goethe)
„Mitten aus dem Leben gerissen“, „immer noch unfaßbar für uns“, „plötzlich und unerwartet“: Wie viele solcher Formulierungen
gibt es? Sie geben uns ein Gefühl von einem Geschehen, das unvorbereitet über Angehörige und Freunde hereinbricht,
wir können sie immer wieder in Zeitungen lesen, und doch beschreiben diese Formulierungen nicht annähernd das,
was diejenigen empfinden, die vom plötzlichen Tod eines Angehörigen oder Freundes unmittelbar betroffen sind.
Leere wird so ein Gefühl sein, Zweifel, bis die Endgültigkeit des Geschehens bewußt wird und der Unglaube über die Tatsache
dieses unerwarteten Endes der Gewißheit gewichen ist. Die Zeit mit ihm, mit all den Einzelheiten, die so vertraut sind,
ist noch so nahe, daß es kaum möglich ist, sich die Welt ohne den Verstorbenen vorzustellen - zu akzeptieren,
daß all die Hoffnungen und Wünsche, all die Pläne und Vorhaben für eine gemeinsame Zukunft nun nicht mehr wahr werden können.
Es fällt auch schwer, die Hilflosigkeit zu ertragen, die wir angesichts der Ereignisse verspüren: das Gefühl, einem Geschehen
ausgeliefert zu sein, das wir nicht wirklich kontrollieren können; jemanden gehen lassen zu müssen, den wir so gerne noch bei uns hätten.
Die Plötzlichkeit des Todes läßt diejenigen, die zurückbleiben im Leben (eben die Hinter-bliebenen) unvorbereitet zurück, und
oft ist es uns in diesen ersten Tagen, als stürzten wir in ein endlos tiefes Loch.
Diejenigen, die Eberhard Müller kannten, werden nun mehr als eine Ahnung davon haben, was hinter solchen Formulierungen
in Traueranzeigen steckt. Als Eberhard starb, geschah dies buchstäblich mitten aus dem Leben heraus, waren Treffen vereinbart,
zu denen er unerwartet nicht kam, obwohl sie doch eben erst ausgemacht worden waren, brachte erst die Öffnung der Wohnung
die leise geahnte Gewissheit.
62 Jahre lang hat Eberhard gelebt, ist er von anderen geprägt worden und hat selbst andere geprägt. 62 Jahre,
in denen er es nicht immer einfach hatte, in denen er viele schwierige Zeiten durchstehen musste - 62 Jahre, in denen er lachte,
sich freute, genoss, Freundschaften und intensive Beziehungen knüpfte und Herzen gewann. Es war ein intensives Leben,
gelebt von einem Menschen mit vielen liebens- und bewundernswerten Qualitäten, von jemandem mit Schwächen - klar: und jetzt
ist er einfach weg? Der Tod eines Menschen ist für uns, die wir als „Hinter-bliebene“ zurückbleiben,
immer ein einschneidendes Ereignis, dass uns zurücklässt mit vielfältigen, oft widerstreitenden Gefühlen von Wut, Zorn,
Einsamkeit, vielleicht auch Vorwürfen und jener unbändigen Sehnsucht, die nun nie mehr gestillt werden kann.
Es erscheint so unfassbar, so unwirklich, und jedes Erinnern, so schön die Bilder von früher auch sind, macht zunächst
den Verlust nur umso deutlicher:
Da ist jemand, der Teil des Lebens war - für lange Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte;
vielleicht „nur“ für wenige, aber wichtige Momente an einer Wegbiegung; der für Kinder und Enkel buchstäblich schon immer da war:
Und dieser Mensch soll nun einfach nicht mehr wiederkommen?
Da ist jemand, der vertraut war, wichtig in welcher Weise auch immer, der erreichbar war, selbst wenn man diesen Umstand
nur selten nutzte – und der soll nun einfach nicht mehr greifbar sein?
Ein Mensch, mit dem sich vielleicht alte Rituale und Gewohnheiten verbanden, mit dem Leben ganz eng geteilt wurde
- als Geschwister, als PartnerIn, als Freund: Und all diese Gewohnheiten sollen nun ins Lehre laufen?
Mehr noch: Jemand, mit dem noch Zukunft erlebt werden sollte - einfach weg, für immer? So vieles hätte noch gesagt werden
sollen, so vieles wartete noch darauf, gelebt zu werden.
Es ist so bitter - und wir fühlen uns allzumal hilflos.
Da ist es gut, sich vor Augen zu halten, dass wir mit dem Blick auf das, was wir für die Zukunft verloren haben,
nur einen Teil der Wahrheit sehen. Denn es bleibt doch mehr von einem Menschen außer den Gefühlen der Trauer und Betroffenheit
darüber, nichts mehr Neues mit ihm erleben oder austauschen zu können, Altes nicht mehr besprechen und Mislungenes
nicht mehr korrigieren zu können. Ist es nicht so, dass wir nur dann traurig darüber sind, dass wir etwas verloren haben,
wenn es gut und wichtig war? Ist nicht die Trauer über den Verlust eines Menschen auch ein Zeichen dafür, dass noch
etwas da ist, wenn ein Mensch für immer geht - nämlich das, was von seinem Wesen im Leben schon wirksam war und das nun auch
im Tode wirksam bleibt? So, wie wir eine brennende Kerze auch dann noch in Erinnerung behalten mit ihrer Wirkung von
Geborgenheit, Wärme und Licht, selbst wenn die Flamme längst erloschen ist, so bleibt doch auch das, was von einem Menschen im
Wesen wichtig ist, auch nach seinem Tode wirksam - erhalten in uns, als Widerschein seines Lebenslichtes.
Es bleibt vom Freunde, der verging,
das, was dein Herz von ihm empfing,
das, was von seinem Werk und Sein
als Abglanz sich im Widerschein
dir hell und unverlierbar zeigt,
auch wenn er nun für immer schweigt.
(Erich Limpach)
Was bleibt von einem Leben ist das Gelebte - erhalten in denen Erinnerungen derer, die sich erinnern.
Auch Eberhard Müller hat solche bleibende Eindrücke hinterlassen, sei es aus Selbsterlebtem oder aus Erzählungen.
Da sind die Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend seit seiner Geburt am 12. Mai 1945 in Wilsdorf auf dem Gebiet
der späteren DDR - an die ersten drei Jahre bei seiner Großmutter, an die Vertreibung aus dem Paradies in mehrfacher Hinsicht
des Wortes; da sind die schweren Jahre der späteren Kindheit und der Jugend, der Wechsel in ein Kinderheim die Flucht in die
damalige BRD und der schwierige Neuanfang in Mühlheim am Main. Da ist seine Arbeit als Fernmeldetechniker bei der
Deutschen Bundespost und die Leistung, parallel dazu über das Abendgymnasium das Abitur nachzuholen und anschließend
Psychologie zu studieren und das Studium wie immer mit hervorragenden Noten zu absolvieren. Da wird sich mancher daran erinnern,
der mit ihm eine Schulbank drückte, dass er zwar im Grunde ein Vorzeigeschüler war, er aber nie ein „Streber“ war,
sondern immer sozial eingestellt und darum bemüht, Schwächere zu unterstützen.
Viele werden sich an seine Freude an klassischer Musik, kritischen Liedermachern und politischem Kabarett erinnern und daran,
wie sehr ihm der Zustand von Welt und Gesellschaft zu schaffen machte mit all den verachtenden, herabwürdigen Strukturen,
an denen ganze Völker leiden. Ihm machte es etwas aus, zu wissen, dass es anderen „dreckig“ geht, und es schmälerte
seine Möglichkeit zur Lebensfreude. Dennoch hatte er seinen eigenen Humor - leicht verschmitzt, zuweilen bissig zynisch,
dann wieder mit herzhaftem Lachen.
Viele Menschen säumten seinen Lebensweg, viele gingen ein Stückchen mit, blieben vielleicht ein Leben lang oder
schlugen eigene Wege ein. So manch einer wird berichten können aus der Zeit mit Hannelore und dem Bau des Hauses,
an die Freude über die Kinder und den übergroßen Schmerz über den tragischen Tod seines 14jährigen Sohnes Michael
– ein in jeder Hinsicht einschneidendes Ereignis, von dem er sich nie wirklich erholte.
Da werden Erinnerungen wach aus den Jahren beim TÜV, wo er als Psychologe tätig war; an seine Großzügigkeit und die Stunden mit
der Familie in der Sauna; seine Besuche in Martins Werkstatt und seine Versuche mit dem Werkzeug; andererseits seine
handwerkliche Begabung, wenn es um’s Renovieren ging; aber auch an die Zeit mit Claudia; seine selbst gemalten Bilder
im unverwechselbaren Stil; seine Fähigkeit, anderen zuzuhören und zurückhaltende Ratschläge zu geben; die Freude,
in Gesellschaft zu sein - und wenn es nur seine geliebten Katzen waren.
Nicht alles in seinem Leben verlief ohne Reibungen, nicht alles ist ihm gelungen. Er, der er die Ehrlichkeit liebte
und - immer gut informiert und belesen - den offenen Disput schätzte, musste so manche Enttäuschungen und Widrigkeiten
des Lebens hinnehmen, mit denen er nicht immer umgehen konnte. Da hat er sich zuweilen zurückgezogen - in die Natur, die er
gerne genoss, und die nichts weiter von ihm wollte als dass er lebte.
Jetzt geht auch das nicht mehr, und jeder Wunsch nach einem Besuch oder einem Telefonat geht ins Leere. Das macht traurig,
und es wäre schade, wenn es das nicht täte.
Nicht das Freuen, nicht das Leiden
stellt den Wert des Lebens dar,
immer nur wird das entscheiden,
was der Mensch den Menschen war.
(Dieter Bronder)
Eberhard Müller hat seinen Frieden nun gefunden.
Es ist schön, dass es ihn gab, und er bleibt wertvoll für die, die ihn gekannt haben.
Mögen sie alle den Frieden mit seinem Tod finden.
(Matthias Pilger-Strohl, Dreieich)